Solder Points Dilemma

Solder Point schnaufte kurz.

Heute würde er endlich aufschreiben, was ihn schon seit Jahren bedrückte.

Er trat an den Computer heran und öffnete das Schreibprogramm.

„14.01.2013

Heute werde ich endlich aufschreiben, was ich seit über 17 Jahren mit mir herumtrage.

Es fällt mir nicht leicht, aber ich hoffe, dass mir das hilft, endlich darüber hinweg zu kommen.

Es war damals, ich war noch ein Jugendlicher, der kurz davor war, die Schule zu beenden und meine Ausbildung zu beginnen. Es war der letzte Tag und ich hatte mir heute vorgenommen, endlich mit der Stute anzubandeln, auf die ich schon seit längeren ein Auge geworfen hatte.

Ja, es war zu spät, um etwas ernsthaftes anzufangen, aber den Gedanken verdrängte ich, da sie aus dem Nachbardorf kam. Wir hätten uns also jederzeit sehen können, sollte es klappen.

Ich kratzte damals jeden Bit zusammen, den ich finden konnte und kaufte ihr am Vortag etwas schönes, von dem ich glaubte, das es ihr gefallen würde.

Es war zwar nur eine Praline, aber ich hatte eine Karte dabei gelegt, in der ich meiner Angebeteten mein Herz offenbarte.

Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Karte zu schreiben, da ich damals nicht gut mit Worten umgehen konnte, aber ich schrieb sie mit Liebe und hoffte, das sie es erkannte.

Am nächsten Tag also war es soweit.

Der Lehrer hatte ein Frühstück organisiert und ich nahm allen Mut zusammen, den ich hatte und ging auf sie zu, um ihr mein Geschenk zu überreichen.

Ich hatte mich sogar schon darauf eingestellt, das sie mir einen Korb gibt, aber was dann kam, dass hatte keiner vorhergesehen.

Weder ich, noch die anderen Klassenkameraden.

Sie schrie mich an.

„Was glaubst du eigentlich.“, tönte es mir entgegen, „Ich mag keine Schokolade.“

Ich war vom Donner gerührt.

Ich hätte ihr gerne was erwidert, aber ich konnte nicht.

Jedes Wort von ihr war wie ein Messerstich.

„Du bist doch nur so ein kleines Arbeiterkind.“, brüllte sie mich an.

Das war der Moment, in dem etwas in mir zerbrach.

Meine Unterlippe begann zu beben, Tränen schossen in meine Augen.

Ich weinte.

Ich habe bisher in meinem Leben nur sehr selten geweint, aber diese Tränen waren anders, als alle zuvor vergossenen.

Sie waren bitter.

Ich wankte zu einem Stuhl und heulte mir die Seele aus dem Leib.

Ich wollte nicht mehr Leben.

Es fühlte sich an, als ob jemand mein Herz aus meinem Leib gerissen und in einen Aktenvernichter gedrückt hätte.

Meine Gedanken kreisten immer wieder um eine Frage.

Warum?

Es war ja nicht, das ich nicht mit einer Abfuhr gerechnet hätte, aber diese Art.

Es war schon seltsam, was dann geschah.

Alle waren plötzlich um mich herum. Der Klassenschläger. Der Besserwisser. Sogar die anderen Stuten, die mich sonst auch immer geärgert hatten.

Jeder versuchte mich zu trösten. Es war schon rührend, aber in mir war ein Teil von mir gestorben.

Seitdem fühle ich mich wie ein Krüppel. Ein Gefühlskrüppel.

Ich schreibe dieses, da ich glaube mich erneut verliebt zu haben.

Wir haben schon übers Internet miteinander geschrieben und letzten Monat habe ich ihn auch getroffen.

Und ich habe Angst.

Nicht nur Angst, das ich verletzt werden könnte.

Es ist auch Angst, das ich ihn verletze.“

Er sah sich den Text an, den er geschrieben hatte.

Während des Schreibens kamen die Erinnerungen an damals wieder hoch und die Tränen standen ihn in den Augen, wie an dem Tag.

Während er auf den Text starrte, wanderte sein Huf zur Maus und schob sie nach rechts oben.

Ein Klick auf das rote X.

Ein Klick auf „Verwerfen“.

Es würde sich nichts ändern.

Zweifel

„15.01.2013 – früher Nachmittag

Ich habe meine Geschichte doch noch gestern online gestellt.

Trotz der Zweifel, die ich habe.

Und jetzt habe ich erst recht Angst.

Angst das er mich nun nicht mehr will.

Aber es ist geschehen und jetzt muss ich sehen, was daraus wird.“

„15.01.2013 – später am Abend

Er stellt mich auf eine harte Probe.

Ich weiß nicht, ob ich sie bestehe oder nicht.

Sicher, ich bin nicht perfekt. Aber wer ist das schon?

Er hat mich jedoch auf einiges hingewiesen, was mir so gar nicht aufgefallen ist.

Ist das der Grund?

Ich weiß es nicht.

Aber ich werde daran arbeiten.

Und wer weiß.

Vielleicht geht es ihm ja genau wie mir.“

Verzweiflung

„16.01.2013

Was er mir gestern vorwarf hat mich mehr mitgenommen, wie ich dachte.

Den ganzen Tag über war ich schon deswegen leicht deprimiert, aber ich darf es nicht zeigen.

Ich muss funktionieren. Den ganzen Tag über.

Ich stehen den Tränen wieder näher, als ich es wahr haben will, aber ich kann auch nichts dagegen tun.

Ich glaube, dass es an meiner Unerfahrenheit in Sachen Liebe liegt, aber sicher, nein, sicher bin ich mir nicht.

Ich habe Theorien, aber ob es wirklich an dem ist, kann ich nicht sagen.“

Solder speicherte den Text und sah aus dem Fenster.

In einiger Entfernung sah er eine Brücke und er war sich sicher, dass sie seinen Namen rief.

Er war sich nicht sicher, aber etwas zog ihn dort hin.

Er schaltete den Computer aus, zog sich eine warme Jacke an und ging hinaus.

Eisiger Wind umfing ihn, aber er spürte es nicht.

Nach einer halben Stunde war er auf der Brücke.

Dort sah er sich um.

Er war allein.

Wie immer.

Vorsichtig beugte er sich über das Geländer und schaute hinunter

„Das sind gerne 130 Meter.“, murmelte er zu sich.

Wie ein Automat schwang er sich über das Geländer und stand dann nur noch auf der Kante, während er sich mit den Vorderhufen noch festhielt.

„Es ist so einfach.“, klang eine Stimme in ihm, „du musst nur loslassen und dann sind alle Sorgen Geschichte.“

Er spürte, wie sich langsam seine Hufe von der Absperrung lösten.

Er wusste nicht, wie lange er schon da stand.

Aber wie sich seine Hufe immer mehr dem Ende näherten.

Da war der linke auch schon über dem Abgrund am baumeln.

„Gleich ist es vorbei.“, murmelte Solder.

Der Wind blies ihm die Mähne ins Gesicht und Tränen traten ihm in die Augen.

„Niemand wird mich vermissen.“, sagte er leise mit einem schluchzen.

Er schloss die Augen und wartete darauf, das auch der rechte losließ.

Aber sie ließ nicht los.

Dafür blitzen Bilder in seinem Geist auf.

Seine Eltern. Seine Schwester. Seine Freunde.

Sein Huf krallte sich wieder an dem Geländer fest.

Er öffnete die Augen, da sein Huf plötzlich warm wurde, als ob ihn dort jemand berühren würde.

Er schaute auf seinen Huf und sah, wie er gehalten wurde.

„Lass mich.“, brüllte Solder den an, der ihn von der Erlösung abhielt.

Durch den Tränenschleier konnte er nicht erkennen, wer da stand.

Der Wind blies stärker und wehte ihm die Tränen aus der Sicht.

Da erkannte Solder das Gesicht seiner Mutter.

„Mama.“, wieder Tränen, „Ich will nicht mehr.“

Sie sagte nichts, sondern schaute ihn nur an.

Plötzlich war er wieder hinter dem Geländer.

Wie war er hier her gekommen?

Er muss wohl wieder zurück geklettert sein.

Dann stand er neben seiner Mutter.

Wie versteinert stand Solder da.

Hatte er ihn nicht Weichei und Ja-Sager genannt.

„Hat er nicht, und das weißt du auch.“, flüsterte die Stimme der Vernunft in seinem traurigen Hirn.

„Wie? Und woher?“, Solder Gedanken rasten umher.

Aber die beiden sagten nichts. Standen nur da und sahen ihn aus traurigen Augen an.

Da rannen auch schon die Tränen aus Solder heraus.

Er wusste nicht, warum, aber es tat gut.

Gleichzeitig war er aber auch verzweifelt.

Seine Beine wurden weich und er sackte zu Boden.

Er barg seinen Kopf zwischen seinen Vorderläufen und weinte.

„Ich bin ein elendes Weichei.“, jammerte er, „Noch nicht einmal meinem Leben kann ich ein Ende setzen.“

„Und gerade dann bist du ein Weichei.“, hörte er eine Stimme, „Stell dich dem Leben.“

Solder blickte auf und seine Mutter und er waren verschwunden.

Er sah sich um, aber die Brücke war so leer, wie als er angekommen war.

Er wischte sich die Tränen aus den Augen.

Vielleicht hatte die Stimme recht.

Er muss sich dem Leben stellen.

Als er wieder zu hause war, ging er zu seinem Computer herüber und schaltete ihn ein.

Während das Betriebssystem hoch fuhr, zog Solder die Jacke aus und holte sich etwas zu trinken.

Ein paar Klicks später war er da, wo er schon diese Tage gepostet hatte und sah, das er eine Nachricht bekommen hatte.

Er öffnete sie und begann zu lesen.

Dabei traten ihm, wie in letzter Zeit so häufig, wieder die Tränen in die Augen.

Diese Nachricht hatte er nicht erwartet, aber sie half ihm etwas, seinen Schmerz zu lindern.

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